13.Mär 20

Gedanken zum Weltfrauentag

geschrieben von Andreas Schuster

Ich weiß. An dieser Stelle freuen Sie sich normalerweise auf einen gleichermaßen scharfsinnigen wie erheiternden Beitrag aus der Kategorie „Geschichten aus der Servicewelt“. Aber nicht heute. Denn wir müssen reden!

Am 8. März war also Weltfrauentag. Das Datum lässt mich immer etwas ratlos zurück. Nicht, weil ich der Ansicht wäre, die Belange der Frauen dieser Welt würden keine Würdigung verdienen. Eher, weil sich für mich die ritualhafte Verdichtung der komplexen Situation rund um das Verhältnis der Geschlechter unter- und zueinander auf ein einziges Datum irgendwie widerspricht. Mir geht das mit allen „Gedenk- und Aktionstagen“ (ja, das ist die offizielle Bezeichnung!) so. Für 24 Stunden geben wir uns betroffen. Am nächsten Morgen geht es dann wie gewohnt weiter.

Beim Weltfrauentag tut dieses Prinzip besonders weh. Denn wir reden hier über ziemlich genau die Hälfte der Weltbevölkerung, die auch in unserer westlichen Welt leider immer noch systemisch benachteiligt wird. Klar – Frauen müssen ihren Ehemann nicht mehr um Erlaubnis fragen, wenn sie einer Arbeit nachgehen wollen. Das haben wir 1977 (!) abgeschafft. Und dass man seiner besseren Hälfte keine runterhaut, weil der Hackbraten kalt ist, hat sich bei uns heutzutage auch rumgesprochen. Bei uns wird mittlerweile viel subtiler benachteiligt.

Als unser Sohn eingeschult wurde, haben meine Frau und ich unser beider Mobilfunknummern für den Notfall hinterlassen – wir sind ja schließlich auch beide berufstätig. Dreimal dürfen Sie raten, wer im Falle von Kopfweh oder Übelkeit immer angerufen wird. Kleiner Tipp: Ich als Mann bin es nicht. Nie. Das ist nur ein stellvertretendes Beispiel dafür, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

Gleichzeitig ist es ja nicht so, als gäbe es mittlerweile nicht eine ganze Menge von Gedenk- und Aktionstagen. Hätten Sie beispielsweise gewusst, dass am letzten Freitag im September „Tag des Butterbrotes“ gefeiert und am 10. Januar traditionell der „Tag der Blockflöte“ begangen wird? Ich frage mich, wie da die Feierlichkeiten aussehen.

Weltfrauentag, das klingt in diesem Kontext irgendwie nach Muttertag 2.0. „Hier, wir halten eine Rede und übergeben euch einen Blumenstrauß. Jetzt aber husch wieder zurück an euren angestammten Platz!“ Der ist vielleicht nicht mehr am Herd, aber sicher auch nicht in den Vorstandsetagen. Wo kämen wir denn da hin.

Ach ja – noch was. Was machen Frauen, wenn mal wieder ihr Ehrentag ansteht? Sie bedanken sich artig für den kleinen Blumenstrauß vom Discounter und freuen sich demonstrativ über selbstgemalte Bilder oder von kleinen Händen geformte Broschen aus Salzteig. Danach geht es weiter wie immer und die Damen rocken ihren (und meist auch unseren!) Alltag, irgendwo zwischen Job und Kind, zwischen Haushalt und Karriere. Und was tun Männer am Vatertag? Sie sind ab morgens betrunken, ziehen ihren Monatsvorrat an Bier im Bollerwagen hinter sich her und grölen im Pulk alberne Lieder. Am nächsten Morgen haben sie dann Kopfweh und vergessen, wo sie ihr Fahrrad abgestellt haben. Soviel zum Thema „Herren der Schöpfung“ …

Was lernen wir daraus?

  1. Viele von uns scheinbar erstmal nix.
  2. Weltfrauentag ist irgendwas zwischen Selbstbetrug und Selbstberuhigung
  3. Es gibt einen „Tag der Blockflöte“. Weiß ich auch erst seit gestern.

 

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