15.Aug 19

Cold Ice. Cool Service.

geschrieben von Andreas Schuster

Wer die letzten Wochen nicht gerade in der Nähe der Polkappen verbracht hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass die Temperaturen bei uns in letzter Zeit - sagen wir mal „außergewöhnlich“ waren. Ein Freund von mir schwört Stein und Bein, er hätte vor kurzem eine Gruppe Saudi-arabischer Geschäftsleute getroffen, die sich über die Hitze bei uns in Europa beschwert hätten. Was tut man also am Wochenende, wenn man keine Lust hat, sich im örtlichen Schwimmbad tottreten zu lassen und seine Zeit auch nicht auf den Badezimmerfliesen liegend verbringen möchte? Richtig. Man geht in den Wald. Denn Bäume > Schatten, so die Überlegung.

In meinem Fall handelt es sich dabei um ein Waldstück nahe unserem Nachbarort. Es ist nicht groß, aber dafür recht idyllisch, mit einem kleinen See (Tümpel) in der Mitte gelegen. Ideal, um mit dem Hund einen kleinen Spaziergang zu machen. Gesagt, getan. Eine kurze Autofahrt später war die ganze Familie im Schatten eines Mischwaldes bei angenehmen 36 (statt 39) Grad Celsius unterwegs.

Besondere Vorkommnisse? Keine. Die Sommerluft flirrte, selbst den Mücken (die an besagtem Tümpel normalerweise so etwas wie eine Jahrestagung abhielten) war es zu heiß. Kein Mensch weit und breit. Und dann, die Überraschung.

Mitten auf einer kleinen Lichtung im Wald, stand ein Eiswagen. Ein Eiswagen, wie wir ihm schon als Kind nachgerannt sind. Gut erhaltener VW Bulli, in schmucken Pastellfarben lackiert, mit handgeschriebener Eiskarte am geöffneten Seitenfenster. Allerdings nicht auf dem Gehweg einer gepflegten Vorortsiedlung, sondern eben mitten im Wald, ein gutes Stück entfernt von der nächsten Wohnbebauung. Man muss hier ergänzen, dass das besagte Waldstück nun wirklich nicht den Charakter eines Naherholungsgebietes aufweist, sondern vielmehr Teil eines ehemaligen Truppenübungsplatzes ist. Begegnungen mit anderen Menschen sind hier deshalb eher selten und die Einzelhandels-Infrastruktur eigentlich nicht existent. Mein erster Gedanke war, dass die Hitze bei mir jetzt ihren Tribut forderte und ich wild halluzinierte. Ein kurzer Seitenblick zeigte aber, dass sich meine Frau sich nicht in einen Leguan verwandelt hatte und auch der Rest meiner unmittelbaren Umgebung noch sehr vertraut aussah. Die nächste Überlegung war, dass jemand sich die Kosten für den Schrottplatz sparen und seinen heruntergerockten Kastenwagen illegaler Weise einfach hier abgestellt hatte. Wäre das der Fall gewesen, hätte der Übeltäter allerdings vergessen seinen Italiener mitzunehmen, der mich in diesem Moment aus dem oben genannten Seitenfenster anstrahlte und mit einer in der Sonne funkelnden Eiskelle näherwinkte. Kein Zweifel: Dieser Eiswagen war in Betrieb!

Mit einer Portion Halbgefrorenem ausgestattet (Straciatella / Malaga / Schlumpfeis) machte ich mich an die Lösung des Rätsels. Auf Nachfrage erklärte mir der Besitzer, was es denn mit seinem ungewöhnlichen Stellplatz auf sich hatte. Bei einem Spaziergang in besagtem Wäldchen war ihm aufgefallen, dass die in einem nahegelegenen Flüchtlingsheim untergebrachten Menschen (darunter viele Kinder) regelmäßig an dem eingangs erwähnten kleinen See trafen, offenbar in Ermangelung anderer Aufenthaltsmöglichkeiten auf dem Gelände der Unterkunft. Kurzerhand beschloss er, dass italienisches Speiseeis das beste nonverbale Instrument uneingeschränkter Völkerverständigung wäre. Er sollte Recht behalten. Schon nach kurzer Zeit war der Eiswagen fester Bestandteil des Biotops und das markante Klingelgeräusch das seit Jahrzehnten in aller Welt kühle Gaumenfreuden verheißt, lockte Tag für Tag mehr Besucher an.

An dieser Stelle lächelte der freundliche Italiener und deutete mit der Kelle über meine Schulter. Von mir ob des interessanten Gesprächs völlig unbemerkt, hatte sich hinter mir eine beachtliche Menschenmenge angesammelt. Mir bot sich das reichlich surreale Bild einer Menschenschlange, die sich zwischen hohen Kiefern, Büschen und Ameisenhügeln hindurch bis in die schattigeren Bereiche es Waldes erstreckte. Ein Blick genügte um festzustellen, dass es sich hierbei keineswegs nur um die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft handeln konnte. Wie sich herausstellte, hatte sich die Geschichte vom Eiswagen im Wald in Windeseile herumgesprochen. Die Bewohner des nächsten Ortes scheuten offenbar nicht den Weg hierher, um an ein Eis zu kommen. Kaum zu glauben, aber hier hatte sich in kurzer Zeit ein Gelati-Hotspot gebildet. Wer hätte gedacht, dass sich die echten Geheimtipps unter den Ausgeh-Locations nicht etwa in Berlin Kreuzberg befinden, sondern auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Nordbaden? Ich sah dem bunten Treiben gut eine halbe Stunde lang zu. Dann waren die mitgebrachten Vorräte alle und der kleine pastellfarbene Bulli war weitergezogen. Die Menge zerstreute sich so schnell, wie sie sich gebildet hatte. Und die träge Stille des viel zu heißen Sommers breitete sich wieder zwischen den Bäumen aus.

Was habe ich daraus gelernt?

  1. Wer das Risiko nicht scheut und sich neue Absatzmärkte sucht, wird in der Regel belohnt.
  2. Guter Service spricht sich herum. Zufriedene Kunden bringen neue Kunden mit.
  3. „Location, Location, Location!“ Die richtige Lage spielt im Einzelhandel nach wie vor eine große Rolle, muss aber nicht immer den klassischen Vorstellungen entsprechen.
  4. Schlumpfeis sieht toll aus – enttäuscht geschmacklich aber jedes Mal aufs Neue. Bleiben Sie bei den traditionellen Sorten.
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