25.Nov 19

Barrierefreiheit: Gute User Experience für alle Kunden

geschrieben von Sabine Haas

Wenn Unternehmen darüber nachdenken, ihren Internetauftritt barrierefrei zu gestalten, dann wird schnell die Frage laut, ob es dafür in der jeweiligen Nutzerschaft überhaupt genügend Bedarf gebe. »Wir haben keine Kunden mit Behinderung« oder »Auf die wenigen Nutzerinnen und Nutzer mit Behinderung können wir keine Rücksicht nehmen. Das lohnt sich wirtschaftlich nicht« lauten häufig geäußerte Einwände. Bei Webdesign und -programmierung ist Barrierefreiheit damit ein vollkommen unterrepräsentiertes Thema, das schon in der Planung kaum eine Rolle spielt.

Betrachtet man die Zahlen und die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, dann erweist sich der geringe Stellenwert, den Barrierefreiheit in der Webkonzeption einnimmt, als fatal. Allerdings sieht man dies erst, wenn man sich genauer mit dem Thema beschäftigt.

Beeinträchtigungen sind vielfältig

Die Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigungen ist weit gefächert. Es geht dabei beispielsweise nicht nur um blinde Personen, sondern es werden verschiedene Teilgruppen umfasst. Zu nennen sind als Hauptbereiche: Sehbeeinträchtigung, Hörbeeinträchtigung, körperliche/motorische Beeinträchtigung und kognitive Beeinträchtigung. Innerhalb jeder dieser Gruppen ist das Spektrum zwischen leichter und schwerer Beeinträchtigung ebenfalls wieder sehr weit. Bei der Analyse der Statistiken fällt es darum schwer, eine eindeutige Messung über den Anteil dieser Internetnutzer zu finden.

Man kann sich nur über Schätzungen annähern: Zunächst gibt es natürlich die vergleichsweise gut erfasste Zahl der Menschen mit amtlich anerkannter Behinderung. Dies sind derzeit etwa zehn Prozent der Bevölkerung (Schwerbehindertenstatistik 2015: 7,6 Mio. Menschen, Statistisches Bundesamt, 2016). Sie stellen allerdings nur die Spitze des Eisbergs dar: Viele Menschen mit Beeinträchtigungen sind amtlich nicht gemeldet, viele soziodemographische Gruppen wie alte Menschen oder Menschen mit Sprachbarrieren fallen gar nicht ins Schema. Hinzu kommen Lese-, Seh- oder Hörschwächen, die zwar noch »in der Norm« liegen, aber eine Webnutzung – vor allem mobil – dennoch erschweren.

Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung haben Beeinträchtigungen

Es gibt daher Schätzungen, die davon ausgehen, dass mindestens 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung in irgendeiner Weise beeinträchtigt sind – mit stark steigender Tendenz in den kommenden Jahren. (Aktion Mensch schreibt in einer Studie aus 2016: »Bevölkerungsrepräsentative Studien wie das SOEP (Sozio-ökonomisches Panel) oder GEDA (Gesundheit in Deutschland aktuell) vom Robert-Koch-Institut schätzen die Zahl der Menschen mit Beeinträchtigungen auf ungefähr 16 Mio. Menschen (BMAS, 2013, S. 41 ff.)“)

Es ist also durchaus anzuraten, Barrierefreiheit auf der Agenda ein Stück nach oben zu rücken. Aber was bedeutet Barrierefreiheit? Wie kann man sie zu realistischen Kosten umsetzen? Zunächst einmal ist auch hier empfohlen, das Thema etwas zu durchleuchten: Wenn man von »Barrierefreiheit« spricht, ist im Sinne des Gesetzes zur Gleichstellung gemeint, dass alle Personen mit Beeinträchtigungen ein Angebot in vollem Umfang und ohne besondere Erschwernis nutzen können. Das ist sicherlich eine hohe Messlatte gerade für kleinere Unternehmen mit schmalen Budgets und deshalb oftmals nicht umsetzbar.

Löst man sich vom Begriff der Barrierefreiheit und denkt stattdessen über »Barrierearmut« nach, sieht das schon ganz anders aus: Jetzt geht es darum, Internetauftritte zu gestalten, die möglichst zugänglich sind – egal für welchen Personenkreis. Dies danken nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Google »belohnt« eine solche Art der Programmierung.

Aspekte barrierearmer Webseiten

Fasst man zusammen, worauf es bei der Erstellung möglichst barrierefreier Seiten ankommt, sind folgende Punkte zu nennen:

  • Tabulatorsteuerung / Tabulatornavigation
  • Übersetzung von Inhalten in leichte Sprache
  • Vorlesefunktion (Screen Reader)
  • simple Inhaltsstruktur / intuitive Benutzerführung
  • responsives Webdesign
  • einblendbare Untertitel bei Video
  • Textalternativen bei Audio/Video
  • starke Kontraste beim Webdesign
  • universelles Design
  • barrierefreies HTML
  • saubere Quellcodes
  • Vergrößerungsmöglichkeiten von Schriftgrößen

(Quelle: https://www.stiftung-liebenau.de/barrierearmut)

In dieser Liste sind viele Punkte enthalten, die auch gefordert sind, wenn es um SEO oder eine gute User Experience insgesamt geht. Es ist also durchaus möglich, die Anforderungen an Barrierearmut und an eine gute Webseite einigermaßen deckungsgleich zu bekommen. Zwar gibt es auch Aspekte, wo eine stringente Barrierefreiheit sich nicht mit den Anforderungen an einen zeitgemäßen Webauftritt deckt (z. B. kontrastreiche Farbwahl versus attraktives Design). Aber auch an diesen Stellen finden sich meist ganz brauchbare Kompromisslösungen.

Eindrücke aus der User Experience einer betroffenen Capita-Mitarbeiterin

Wie sinnvoll es ist, das Thema stärker zu fokussieren, zeigt ein Perspektivwechsel: Seit über 25 Jahren arbeitet Capita-Mitarbeiterin Anne K. (Name geändert) als Sachbearbeiterin und Servicemitarbeiterin in einem Langzeit-Kundenprojekt. Sie ist stark sehbeeinträchtigt und verbringt sowohl beruflich als auch privat täglich einige Stunden am Bildschirm. Anne ist inzwischen sehr souverän im Umgang mit verschiedensten Web-Angeboten, weiß aber, wie viele Hürden Internetangebote für Sehbehinderte bereithalten: »Für mich sind zwei Sachen entscheidend: Webseiten müssen einerseits gut zu vergrößern sein, andererseits muss die Struktur logisch und durchdacht wirken, damit ich mich gut zurechtfinde. Letzteres ist aber nicht nur für Sehbehinderte, sondern für alle Menschen eine Erleichterung.«

Die langjährige Mitarbeiterin schildert, dass die meisten Seiten noch vor einigen Jahren »eine Katastrophe« gewesen seien. Inzwischen habe sich durch die Programmierung responsiver Seiten vieles verbessert: »Durch die mobile Ansicht funktioniert meist auch eine Vergrößerung, ohne dass der Zeilenumbruch komplett durcheinandergerät. Das ist eine enorme Erleichterung.« Oftmals seien Internetangebote aber immer noch nicht an den Bedürfnissen der Nutzerschaft entlang strukturiert. »Man bekommt vor allem das präsentiert, was das Unternehmen zeigen will, und nicht das, was man sucht«, erklärt Anne.

Im Gespräch mit ihr wird klar, dass es tatsächlich gerade mit der mobilen Nutzung viele Parallelen zwischen den Erfordernissen der Barrierefreiheit und einer guten User Experience gibt. Auch der mobile Nutzer ist »beeinträchtigt«. Er hat wenig Zeit und wenig Geduld, weil er unterwegs ist, und möchte möglichst schnell an sein Ziel. »Mir geht es ähnlich«, berichtet Anne, »ich bin angestrengt durch die extreme Vergrößerung und möchte möglichst zügig an mein Ziel gelangen. Alles, was davon ablenkt, stört.« Das gelte auch für Bilder: Reine Schmuckbilder seien bei der Nutzung »im Weg«, es sei wichtig, dass Bilder entweder eine Funktion hätten oder sich beim Lesen eines Textes gut »umgehen« ließen.

Fazit und Hilfestellungen

Dies alles sind gute Argumente, bei einem Relaunch oder einer Neuprogrammierung der eigenen Internetseiten auf größtmögliche Barrierearmut zu achten. Ob und wie weit der eigene Unternehmensauftritt aktuell den Anforderungen an Barrierefreiheit entspricht, lässt sich in einem ersten Schritt relativ einfach testen. Die Möglichkeit eines »Schnelltests« bietet »BIK für alle«. Hier kann man in wenigen Schritten erkennen, welche Elemente der Seite für Menschen mit Beeinträchtigungen gut nutzbar sind und welche nicht.

In einem zweiten Schritt kann man die bestehenden Defizite zum Thema ausfindig machen und überlegen, was man davon in welcher Form optimieren möchte. Gerade dann, wenn man viel Kundenkontakt auf den eigenen Internetseiten hat – etwa durch ein Shop-Angebot – ist eine Optimierung in Richtung SEO und Barrierefreiheit besonders angeraten. Die Nutzerinnen und Nutzer wissen es zu würdigen.

Barrierefreiheit
Barrierearmut
WebAccessibilityInitiative
CustomerExperience
zurück zum Blog

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben